Mecki oder Kobold ? - Brigitte Knoop genannt Hennigfeld

Brigitte Knoop
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Herausgegeben von Brigitte Knoop - 28/12/2019
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Wenn man niemanden hat, ausser....
Herausgegeben von Brigitte Knoop - 27/12/2019
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Mecki oder Kobold ?

Wahr oder nicht > Geschichten von alten Menschen
Mecki oder Kobold?

Als ich die Treppen des eleganten freistehenden Hauses in einem wohlhabenden Vorort hochstieg, weitab von jedem Geschäft oder einer Verkehrslinie, erinnerte ich mich wieder, dass die  Vermieterin uns damals diese Kundin vermittelt hatte, als Nachbarschaftshilfe.
Es dauerte ewig bis die Haustür aufgedrückt wurde, das war ich bei alten Menschen gewohnt.
Der Schlüssel steckte von außen in der Wohnungstür der ersten Etage, als ich klopfte und gebeten wurde einzutreten.
Vor mir stand eine kleine Frau mit dem Gesicht eines Koboldes.
Wie bei vielen Menschen war auch bei dieser Frau im Alter die Ohren auf ein Maß angewachsen, die man aus Kinderbüchern her kannte, oder besser gesagt, durch den Alterungsprozess schrumpfte die Kopfmasse, so dass die Ohren in ihrer Größe bestehen blieben. Die Haare wuchsen spärlich, nicht weit entfernt von einer Glatze, weiß, fein und kurzgeschnitten, gerade vom Kopf abstehend als hätte sie feine unbiegsame Silberdrähte auf dem Kopf.

Das liebe Koboldgesicht, das geschätzte zwei Kopflängen unter meinem eigenen Gesicht lag, schaute mich von unter her an, was den Eindruck einer ziemlich kleinen Person noch mehr verstärkte, hier vor einer Fabelfigur zu stehen.
Manchmal schwankte ich hin und her. Sah sie eher wie Mecki aus, das Markenzeichen der Salamanderschuhe meiner Kindertage oder eher wie ein Kobold.
Ihre freundlichen Augen, die keck nach oben geschwungene Nase mit dem schmalen Nasenrücken und die breite Oberlippe mit den schmal zusammengepressten Lippen erinnerten mich allerdings auch Leprechaun, den irischen Kobold.

Sie schob einen Rolli vor sich her, einen Rollator, der von sehr vielen älteren Personen als Gehhilfe benutzt wurde.
Sie ging mir mit wackeligem Gang voraus zum Badezimmer. Ich schaute direkt auf das mächtige Hinterteil, aufgeplustert von gewaltigen Windelhöschen, gehalten von einer Hose im hellgrauen Sweatshirt Stoff mit Gummizug. Oben herum trug sie ein labberiges, ausgewaschenes T-Shirt, durch die man ihre großen, hängenden Brüste erkennen konnte, die durch keinerlei BH gezähmten wurden.
Das Angorajäckchen zog sie zum Haarewaschen aus. Alles war sauber im Haushalt, wenngleich auch der Flur eher einem Kellerraum glich, in dem nur ein offenes Regal stand, für all die großen und kleinen Dinge des Haushalts, die keinen Platz mehr in den Schränken fanden.

Hier, wie auch bei fast allen anderen allein lebenden Personen die wir besuchten, lief der Fernseher den ganzen Tag auf voller Lautstärke, so dass man Mühe hatte, selbst in den Nebenräumen eine Unterhaltund zu führen. Auch bei dieser Kundin liefen die üblichen Daily Soaps, auch Hartz4 TV genannt. Es sind die Ersatzfamilien allein lebender Menschen.

Heute war ein besonders unangenehmer, kalter, trüber, grauer Noch-Wintertag.
"Der Winter ist jetzt zum Glück bald vorbei", sagte ich.
"Ja und er war unglaublich lag dieses Jahr".
"Waren sie denn mal außer Haus", fragte ich weiter.
"Nein, ich war schon seit fünf Jahren nicht mehr vor der Tür", antwortete sie. "Meine Vermieterin kauft für mich ein und kochte für mich mit und der Arzt kommt einmal im Monat ins Haus, mehr habe ich nicht mehr. Aber diese langen Wintertage machen mir doch ganz schön zu schaffen, es wird ja nie richtig hell und die Dunkelheit schlägt mir auf das Gemüt, besonderes wenn man alt ist wie ich", sagte sie.
"Das dunkle Wetter schlägt auch jüngeren Menschen aufs Gemüt, nur dass die auch mal was anderes unternehmen können".

Ich stellte mir vor, wie Frau Kobold abgeschieden in dieser Wohnung von einem Raum in den nächsten schlurfte, die menschenleere, schneebedeckte und vereiste Straße vor ihren Augen, Tag für Tag, Monat für Monat, keine Ablenkung von außen, keine Kinder, keine Angehörigen, nur die Vermieterin die nach ihr schaute und das unvermeidliche Hartz4 TV.

In der großzügigen, schnörkellosen Küche mit Holzdekor setzt sie sich an einen kleinen Tisch, der beladen war mit Katalogen von Versandhäusern die teure Bekleidung anboten. Der Tisch stand vor dem Dachgeschossfenster. Auf dem Fensterbrett stand eine prächtig wachsende weiße Schmetterlings Orchidee.
"Die hat mir meine Vermieterin mitgebracht", erzählte sie als ich Ihre Pflanze bewunderte.

Der Blick geht nach draußen auf eine Straße weiter bergab, die Aussicht auf die bewaldeten Hügel des Ruhrtals. Kein Lebewesen war auf der Straße zu sehen.

Wie immer ist ein schwer erträglicher, starker Geruch in der Wohnung, den ich nicht einordnen kann. Eine am Küchentürgriff aufgehängte Mülltüte beinhaltet nichts wirklich stinkendes, Pampers-Geruch war es auch nicht. Auch die Toilette war o.k., da hatte ich schon weit schlimmeres erlebt. Das ungespülte Essgeschirr von der letzten Mittags Mahlzeit das noch herumstand konnte es auch nicht sein und eine Mischung aus allem ebenfalls nicht, denn der ätzende Geruch hatte sich gleichmäßig in der Wohnung verteilt, ohne einen Schwerpunkt von dem aus man den Ursprung ausmachen konnte.

"Morgen soll die Sonne wieder rauskommen. Da können sie mal hier so richtig den Vorfrühlingswind rein wehen lassen", sagte ich in der Hoffnung, dass mein Hinweis verstanden wurde. Er wurde nicht. Ich hielt es aus. Der Kobold war ein lieber und sensibler Mensch, der mit den schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit immer noch nicht abgeschlossen hatte.

Meistens ganz zum Schluss, wenn der Gebläselärm des Föns bereits verstummt war und ich schon mit einem Bein bei meinen nächsten Kundin war, zumindest gedanklich, gerieten wir ins sensible Plaudern. Dann erzählt mir der Kobold, von
den Ungerechtigkeiten des Lebens, damals und jetzt. Nach und nach geraten wir in einen Schwall von Dingen und Ereignissen die im Jetzt falsch laufen, entgegen der öffentlichen Meinung, entgegen der Ansichten unser Politiker und Topmanager. Wir stellen fest, dass die Globalisierung schlecht für uns ist, dass das Menschliche darunter leidet, dass die Menschen immer mehr unter Druck stehen der fast nicht mehr auszuhalten ist. Und wir sind uns einig, der alte kleine Kobold und ich. Ich erkenne, das in diesem Häufchen Dahinschleichens doch noch ein funken Leben ist und ein wacher Verstand und ein goldenes Herz. Und ich habe ihn belebt, diesen Verstand, für wenige Minuten nur, doch ich muss weiter, zum nächsten Kunden, zur nächsten
Trostlosigkeit, zum nächsten Dahinvegetieren, zum eigenen Unterhalt verdienen.
Das Koboldgesicht strahlte mich an, als die Frisur fertig war.
"Jetzt sehe ich endlich wieder wie ein Mensch aus", sagte sie und verabredete den nächsten Termin mit mir.

Beim nächsten Mal wird der Kobold wieder vergessen haben, dass wir den Termin abgemacht hatten.
Ich werde wieder x mal klingeln, bis die Haustür aufgemacht wird, werde den Kobold sehen, wie er mittags gerade aus dem Bett aufgestanden ist, mit halbdurchsichtigem Nachthemd, oder ohne BH, mit schlabberiger Jogginghose und einem
exorbitanten Pampers Arsch.
Wieder wird sie schlurfend vor mir hergehen und es wird genauso oder noch schlimmer undefinierbar nach irgendwas stinken.

"......wollte ich sagen", entgegnete sie mir auf fast jeden meiner Sätze die ich zu ihr sprach. Jedes Mal schimpfte sie mit sich selbst, weil sie nicht mehr so wie früher loslaufen konnte und die Knochen ihr nicht mehr gehorchten. Dann schüttelte sie missbilligend den Kopf und sagte:"....Margret, Margret, was ist nur aus dir geworden".
Manchmal schimpfte sie indem sie sich schalt: "......wenn meine Mutter mich so sehen würde...".
Darauf antwortet ich meist:"Jetzt hören sie aber auf mit sich zu schimpfen, sonst schimpfe ich mit ihnen. Sie sollten sich loben, dass sie heute in ihrem Körper so flott laufen können und dass sie heute einen viel besseren Tag haben als beim letzten Mal", was gar nicht stimmte, doch sie blühte jedes mal danach auf und strahlte.

Einmal erzählte ich ihr von meinem Sonntagsausflug zu Pfingsten auf die Burg Linn in Krefeld zum Flachsmarkt. „DAS würde ihnen gefallen, da bin ich ganz sicher“ schwärmte ich und schilderte ihr in den glühendsten Farben die Burg und die Verkaufsstände.

"Beim nächsten mal bringe ich ihnen ein paar Fotos mit, damit sie einen Eindruck bekommen", versprach ich ihr. Smartphones gab es noch nicht für die breite Masse und so druckte ich einige meiner Fotos aus und brachte sie zum nächsten Termin mit. Ihre Augen leuchteten auf, als ich ihr alles zeigte und meine Erlebnisse dazu erzählte.


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