Engelschor - Brigitte Knoop genannt Hennigfeld

Brigitte Knoop
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Herausgegeben von Brigitte Knoop - 28/12/2019
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Wenn man niemanden hat, ausser....
Herausgegeben von Brigitte Knoop - 27/12/2019
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Engelschor

Wahr oder nicht > Geschichten von alten Menschen
Engelschor

"Meine Tante braucht unbedingt einen Friseur", begann eine sympathische Frauenstimme mittleren Alters das Telefonat.
"Mit der letzte Friseurin waren wir nicht zufrieden".

Ich erfuhr nicht zum ersten Mal, dass sich eine meiner Mitbewerberin erst mit Kaffee und Kuchen bedienen ließ,
dann erst einmal zwei bis drei Zigaretten rauchte, ausgiebig über ihre finanziellen Engpässe klagte und aus diesem Grund überdimensionale Preise nahm. Als Ausgleich war sie wohl immer superschick gekleidet, wie mir berichtet wurde.

Ich kam gern. Die Wohnung lag in einer eher bescheidenen Gegend, in der Seitenstraße eines Ortsteils mit eher weniger betuchten Menschen. Die Hauptstraße bot einige Geschäfte für den täglichen Bedarf, nichts attraktives.
Das Haus aus den 50er Jahren, der Dachstuhl nachträglich ausgebaut, dritte Etage, unterm Dach, dort wohnte sie.

Es erwartete mich eine krächzende, überaus misstrauische kleinen Dame.
Als ich mich vorstellte, wurde ich nur zögerlich in die Wohnung gelassen.
Wir betraten die Küche, besprachen die Einzelheiten der Bedienung, gingen dann zum Haarewaschen in Bad, mit einer freistehenden Badewanne und abenteuerlicher Warmwasserversorgung, die fast nicht regelbar aus dem Duschkopf kam. Entweder war das Wasser kochend heiß oder eiskalt.
Sie hatte genaueste Vorstellungen, wie ich alles zu handhaben hatte, ich ließ sie reden.
In der Küche setzte ich sie an den Küchentisch der unter dem kleinen Dachfenster stand und stellte meinen Klappspiegel auf.

"Den können sie gleich wieder wegnehmen, den brauche ich nicht, ich sehe sowieso nichts", krächzte sie mich herrisch an.
"Aber ich brauche den Spiegel um meine Arbeit zu kontrollieren", es passte ihr nicht, doch sie hielt sich mürrisch zurück.

Die letzte Dauerwelle die sie von meiner Vorgängerin erhalten hatte, entsprach nicht unserer Arbeitsqualität. Der Haarschnitt war eine Katastrophe, die Dauerwelle viel zu kraus für das feine Haar. Doch ich sagte nichts, sondern schlug ihr freundlich einige Verbesserungen für den nächsten Haarschnitt vor.
Unter der Trockenhaube nickte sie immer wieder ein und ich hatte Gelegenheit mich umzusehen.
Meine Kundin selbst war klein und zierlich, besser gesagt klapperig. Fast zwei Kopflängen war sie kleiner, hatte ich festgestellt und ich stellte mir vor, dass ich sie mit einer Kleinigkeit umpusten könnte, wenn ich wollte.
Das Gesicht war hager und verhärmt. Die ganze Person war grau und fahl.
Ihr Stimme und ihre eckigen Bewegungen ließen mich vermuten, dass sie sich um eine Art Abwehrmechanismus
handelte, oder eine Art Imponiergehabe um nicht wieder und wieder verletzt oder übervorteilt zu werden.
Sie machte einen sehr verbitterten Eindruck auf mich.

Die Küche in der wir saßen war unter aller Sau. Die spartanische Einrichtung war zum großen Teil versifft.
Der Herd hatte dunkelbraune Tränen an Vorderfront und braunen Ränder um jede Kante. Sah aus wie tausend mal eingetrockneter Kaffee. Was immer er wirklich war, wollte ich gar nicht wissen.
Die Hähne des Heißwassergerätes umkränzten dicke Knusterringe, graubraun, innen im Gerät sah man die dunkelbrauen Ablagerungen. Der Lichtschalter an der Wand hatte sich gelockert und hing auf halb acht.
Doch am meisten wurden mein Blick von der Brotschneidemaschine angezogen, die neben dem verknusterten Stellrad für die Schnittstärkeneinstellung zusätzlich auch die Reste von Käse, Wurst und Brot der letzten geschätzten 3 Jahre beinhaltete.
Meine Schuhe klebten bei jedem Schritt am Fußboden fest und begleiteten mich mit einem Geräusch von abziehendem Wundpflaster.
"Sagen sie mal, Frau Köhler, haben sie denn Hilfe im Haus, den Pflegedienst oder eine Putzhilfe", fragte ich nach einigen Wochen, nachdem ich ihr schon etwas vertrauter war.
"Nä, den Pflegedienst will ich nicht im Haus haben, aber eine Putzfrau habe ich", antwortet sie.
"Kommt die denn regelmäßig"?
"Ja, jede Woche kommt die, sie geht auch für mich einkaufen", erwiderte die alte Frau von über 90 Jahren.

Ich fragte mich, was die Putze denn überhaupt in der Wohnung machte, denn es gab soweit ich sehen konnte,
keinen einzigen Bereich in der Wohnung, der putzfrauengepflegt war.
"Sind sie denn mit ihrer Putzfrau zufrieden"?
"Ich bin froh, dass ich sie habe, ich kann das ja alles nicht mehr selber machen".

Eines Tages kam die besagte Putzfrau kurz nachdem ich eingetroffen war. Ich war gerade dabei die Haare von Frau Köhler aufzudrehen. Sie saß dabei wie gewohnt an ihrem Küchentisch unter dem Dachfenster.

Ich sah der Putzfrau an, dass es ihr gar nicht passte, dass ich da war. Es war eine dicke, bewegungsschwerfällige Frau Mitte dreißig. Sie hinterließ einen unmotivierten und faulen Eindruck.
Sobald sie den Mund aufmachte kamen freche Sätze heraus.
"Am besten sie setzen sich darüber, ich will heute die Fenster putzen", kommandierte sie herum.
"Ich glaube, bevor es die Fenster nötig haben, sind erst mal alle anderen Bereiche notwendiger", parierte ich.
Mein Bauchgefühl sagte mir, dass diese Frau nur Alibiputzen betrieb, um möglichst einfach und viel Geld abzugraben, was mich unglaublich wütend machte. Ich musste mich schwer zurücknehmen um nicht zu explodieren. Eigentlich ging mich das alles gar nichts an und konnte mir egal sein. Doch in den letzten Wochen hatte mir Frau Köhler, nach und nach erzählt, von wem und wie sie bisher ausgenommen und betrogen worden war. Sie war fast blind und konnte nur noch schwerlich Umrisse erkennen, was erklärte, dass sie auch den Spiegel nicht haben wollte. Zudem war sie klein und schmächtig, ein Fliegengewicht und hatte Angst, dass man sie umschubsen würde und sie hinfiel, was das Misstrauen erklärte. Sie hatte Angst sich den Oberschenkelhals zu brechen und ins Krankenhaus zu müssen, alles verständlich.

Die Putze merkte, dass sie mit mir nicht so umspringen konnte wie erwartet und verzog sich mit einem 50 € Schein aus der Geldbörse von Frau Köhler um Kuchen einzukaufen.
Ich sah sie nicht wieder, denn vom Bäcker der um die Ecke lag und zurück, brauchte sie länger als ich für eine Bedienung von fast einer Stunde.

Ich vermutete, dass von dem Geldschein nichts mehr übrig bleiben würde.
Mit der Zeit wurde Frau Köhler zutraulicher und erzählte von ihrer "lieben" Verwandtschaft, insbesondere von ihrem Enkel und dessen Familie.
"Der hat mich schon so oft beklaut", sagte sie verbittert mit ihrer schnarrenden Stimme,"der hat mir mein ganzes Geld weggenommen und meinen Schmuck“.
"Brauchst du ja doch nicht mehr in deinem Alter, hat er gesagt".
Ich hörte mir alles an, bleib aber skeptisch. Wie oft kommt es vor, dass alte Menschen sich einbilden,
sie hätten noch Geld oder Wertvolles, was in Wirklichkeit schon lange nicht mehr existierte.

Ihre Erzählungen wurden immer detaillierter, so dass ich zu dem Schluss kam, dass alles der Wahrheit entsprach.
"Haben sie denn sonst niemanden, der sich um sie kümmern kann? Was ist mit der netten Dame, die mich damals angerufen hat".

"Das ist meine Nichte, die kommt alle paar Wochen mal zu mir, die ist in Ordnung. Aber der anderen Teil der Familie,
mein Enkel und deren Eltern wollen nicht, dass die Nichte kommt, die gehen sich aus dem Weg, sonst gibt es immer Krach".

"Ab und an kommt mein Enkel vorbei", erzählte sie weiter, "ich habe richtig Angst vor ihm, der hat mich richtig bedroht. Entweder bettelt er nach Geld und wenn ich sage ich habe nichts, dann wird er böse und gewalttätig und bedroht mich. Er hat schon viel Mist gemacht, hat schon im Knast gesessen, ich will gar nicht alles wissen, was der schon alles angestellt hat. Deshalb schließe ich immer das Wohnzimmer hinter mir ab, weil er immer meine Schränke durchwühlt".
Ich hatte Zweifel, dass das den Enkel abhalten würde.
"Das tut mir wirklich leid für sie", sagte ich. "Was ist denn, wenn sie ihm gar nicht erst aufmachen wenn er kommt".
"Was soll ich machen, er kündigt sich ja nicht an und ich sehe doch nicht mehr wer da kommt. Wenn er das Treppenhaus hochkommt, dann steht er plötzlich vor mir".
Nun verstand ich ihr Misstrauen mehr denn je. Eine Lösung für dieses Problem hatte ich nicht.

Ansonsten war sie trotz ihres knarstigen Auftretens eine eher pflegeleichte Kundin, hatte nie etwas über die Frisur zu meckern,
hielt still und verzögerte nicht die Bedienung durch ständige Unterbrechungen wie manch andere Kundin, die Zeit und Aufmerksamkeit schinden wollten.

Was ihr immer wieder zu schaffen machte waren ihre Schwächeanfälle.
Alle Nase lang kippte sie um. Mal döste sie unter der Trockenhaube weg und kippte vom Stuhl. Zum Glück saß ich daneben und konnte sie auffangen.
Dann wiederum fiel sie mitten im Flur um und lag bewusstlos manchmal Sekunden, manchmal Minuten dort, erzählte sie mir.

Der Notarzt wurde dann gerufen oder die Feuerwehr und sie wurde natürlich wieder ins Krankenhaus gebracht, wo sie wochenlang untersucht und ohne weiteres Ergebnis wieder entlassen wurde.

Frau Köhler war ein Wackelkandidat, man wusste nie ob es ein guter Tag war oder wieder einer der Umkipptage. Bei einer der nächsten Bedienungen kippte sie wieder weg, kam aber sehr schnell wieder zu sich und wehrte sich mit Händen und Füssen gegen jede Art von ärztlicher Hilfe.
"Die stecken mich doch nur für Wochen ins Krankenhaus", und das wollte sie auf keinen Fall.
Was mir blieb, war ein ungutes Gefühl und die Zweífel an der Richtigkeit der Entscheidung, keinen Arzt zu rufen, stattdessen den Wunsch der Kundin zu respektieren.

"Wird sie es heute schaffen", hieß die Frage jedes Bedienungstages.
An dem Zustand ihrer Wohnung hatte sich auch nach Jahren nichts zum Besseren verändert und ich fragte mich vor jedem Termin "hast du das nötig, willst du das machen, willst du diese Kundin wirklich bedienen"?

Nein, ich wollte das nicht machen, ich wollte zu reichen und schönen Menschen gehen und sie in angenehmer, gepflegter Umgebung bedienen.
Irgendwie konnte ich nicht anders. Beim nächsten Besuch sah ich wieder das Häufchen Elend, die trüben, vom Leben enttäuschten Augen und ich dachte: "Wenn du nicht mehr hingehst, wen hat sie dann noch"?
Doch ihre "Anfälle" raubten mir die Nerven.

"Sagen sie mal Frau Köhler", wie viel trinken sie denn so am Tag".
"Morgens eine Tasse Kaffee und abends eine Tasse Hagebuttentee".
"Das ist aber viel, viel zu wenig", sagte ich erschrocken.
"Sie wissen doch, dass man mindesten 2-3 Liter pro Tag trinken muss, sonst trocknet der Körper zu sehr aus. Das ist bestimmt auch einer der Gründe, warum ihnen immer so schwummerig wird".
"Mehr kriege ich einfach nicht runter".
Ich versuchte sie zu motivieren und ihr das Versprechen abzunehmen, dass sie sich zukünftig morgens eine ganze Kanne Tee kocht und sie diese bis abends austrinken würde, was mir leider nicht gelang.
Was hatte ich schon damit zu tun. Ich war weder Pflegerin, noch Angehörige.
Nach einem weiteren "Anfall" bei dem sie wieder ins Krankenhaus eingeliefert wurde, sagte die Nichte den nächsten Termin ab und ich nutze die Gelegenheit über die Vorfälle zu berichten und drückte meine Vermutung aus, dass die alte Dame viel zu wenig trank.
Wir hatten uns nie persönlich kennengelernt, doch sie gab mir ihre Telefonnummer um sie im Fall des Notwendigen zu benachrichtigen. Wir behielten ein Auge auf die alte Dame.
Als ich Frau Köhler bei einer meiner letzten Bedienungen von der Trockenhaube erlöste fragte ich.
"Na, habe sie ein kleines Nickerchen gemacht", denn ich hatte gesehen, dass sie ganz weggetreten war und ich dachte mir mit über 90 Jahren, nur Haut und Knochen, braucht der Körper einfach mehr Erholungsphasen. Die Wärme der Trockenhaube ist vielen alten Damen angenehm, da sie sowieso schneller frieren. Ich wollte ihr die Erholungspause gönnen, in der sie sich sicher fühlen konnte. Zudem konnte ich mich kaum mit ihr unterhalten,
weil die altersbedingte Schwerhörigkeit eine Unterhaltung während der Trockenzeit schwierig machte.
So ließ ich sie schlafen und ich ging meinen eigenen Gedanken nach.
"Ja, ich habe wunderbar geschlafen", sagte sie. "Die Engel haben so wunderschön gesungen. Haben sie auch gehört, wie wunderschön die Engel gesungen haben"?

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